Wenn Linien am Firmament entstehen – Gedanken zwischen Himmel und Papier

Hallo Ihr Lieben,

Wir wohnen nun seit gut einem Jahr in den Südtiroler Bergen. Hier oben, auf etwa 1400 Metern, ist man dem Himmel erstaunlich nah. Was ich damit sagen will: ich habe einen absolut traumhaften Blick auf den Mond und die Sternenbilder.

Am Anfang sah ich nur Lichtpunkte – einfach nur Sterne. Heute sehe ich Zeichnungen am Himmel, ganz besonders in klaren Nächten.

Einen kleinen Abstecher zu den Sternenbildern

Seit jeher haben Menschen in diesen Sternenbildern mehr gesehen als nur funkelnde Punkte. Sie haben Figuren entdeckt, Geschichten erzählt und dem Himmel Namen gegeben. Aus einzelnen Sternen wurden Tiere, Helden und ganze Mythen.

Mythen über Sterne entstanden, um den Nachthimmel zu deuten, wobei die Menschen Sterne als Götter, Helden oder mythische Kreaturen interpretierten. Viele dieser Geschichten stammen aus der griechischen Mythologie, in der Zeus zahlreiche Liebschaften oder Kämpfe am Himmel verewigte (Orion und Großer Bär). Andere Kulturen verknüpften Sternenbilder mit Erntezeiten (Jungfrau).

Diese Bilder sind bis heute geblieben. Der große Wagen zum Beispiel, den ich oft als Erstes erkenne, steht fast wie eine vertraute Form am Himmel. Und wenn man den einmal gefunden hat, tauchen nach und nach auch die Anderen auf – als würden sie sich erst zeigen, wenn man gelernt hat, genauer hinzusehen.

Doch der Blick in den Himmel war nicht immer nur von Staunen geprägt. Über Jahrhunderte hinweg diente er auch der Orientierung. Ich stelle mir vor, wie Seeleute nachts auf dem offenen Meer standen, um ihren Weg zu finden. Bei ihnen war es Erfahrungswissen, das sich aus der Beobachtung von Sonne, Mond und Sternen ergab. Die Sterne gaben ihnen Halt, eine Richtung, ein leises Versprechen, nicht verloren zu gehen.

Auch auf der Erde spielte dieser Blick eine Rolle. Kirchen wurden in bestimmte Richtungen gebaut. Denn zahllose Kirchenbauten, vor allem in der Antike und im Mittelalter, hat man nach Osten ausgerichtet. Orientiert am Lauf der Sonne oder an festen Punkten am Himmel, als gäbe es dort oben eine Ordnung, an der man sich unten orientieren konnte.

Hinweis: Interessierte finden Details in “ Der Himmel ist unter uns“ von Wolfgang Thiele und Herbert Knorr.

Früher habe ich einfach nur nach oben geschaut und die Weite genossen. Heute bleibe ich manchmal stehen und folge den Linien, die eigentlich gar nicht da sind. Ich verbinde Punkte, ziehe gedanklich Striche und plötzlich entsteht etwas, das vorher unsichtbar war. Es braucht nicht viel – nur ein bisschen Zeit, Ruhe und Bereitschaft, Verbindungen zu sehen. Plötzlich fügen sich die Punkte zusammen, Linien entstehen und das scheinbar Zufällige bekommt eine Form.

Vielleicht liegt darin auch der Grund, warum mich der Blick in den Himmel so fasziniert. Denn im Grunde geschieht dort oben etwas, was ich vom Zeichnen her gut kenne: Punkte werden verbunden, Linien entstehen und plötzlich ergibt es ein Bild. Wenn ich vor einem leeren Blatt sitze, ist es nicht viel anders. Auch dort beginne ich mit einzelnen Strichen, suche nach Orientierung, nach einem Zusammenhang. Und wie bei den Sternen zeigt sich das Bild erst nach und nach – leise, fast unmerklich.

Genau in diesem Moment beginnt für mich das eigentliche Zeichnen. Es ist weniger ein Plan, als vielmehr ein Annähern. Ein Suchen, ein Sehenlernen. Ich taste mich vor, folge Linien, verwerfe sie wieder, finden neue. Und irgendwo zwischen Unsicherheit und Intuition entsteht nach und nach etwas, das Bestand hat.

Dabei merke ich wieder, wie die Linie selbst mich fasziniert. Sie ist für mich mehr als nur ein Mittel zum Zweck. Eine Linie kann zögerlich sein oder klar, suchend oder bestimmt. Sie kann führen, verbinden, manchmal auch irritieren. Und oft ist es genau diese eine Linie, die entscheidet, ob ein Bild zu leben beginnt.

Im Workshop zum Thema Portraitschnellskizzen von Dylan_Sara, wurde mir das noch einmal ganz bewusst. Dort bleibt kaum Zeit für Details. Es geht hier nicht um Perfektion, sondern darum, das Wesentliche zu erfassen, mit wenigen schnellen Strichen.

Gerade in dieser Reduktion liegt etwas sehr Ehrliches. Jeder Strich zählt, jede Linie muss sitzen, auch wenn sie vielleicht im nächsten Moment schon wieder verworfen wird. Es entsteht eine besondere Form von Konzentration, ein direktes Reagieren auf das, was man sieht.

Und vielleicht ist es auch hier wieder ein bisschen, wie beim Blick in den Himmel, man kann nicht alles auf einmal erfassen. Aber wenn man beginnt, sich auf einzelne Linien einzulassen, Verbindungen zu sehen und ihnen zu folgen, so entsteht Schritt für Schritt ein Bild.

Und wenn ich dann am Abend wieder nach oben schaue – sehe ich sie noch immer – diese scheinbar zufälligen Punkte am Himmel. Doch ich weiß inzwischen, dass sie mehr sein können.

Dass sie sich verbinden lassen.

Dass aus ihnen Linien entstehen.

Und manchmal sogar Bilder.

Vielleicht ist es genau das, was mich am Zeichnen so fasziniert: dieses Entdecken von Zusammenhängen, dieses leise Sichtbarwerden von etwas, das zunächst verborgen scheint.

Der Himmel erinnert mich daran, Nacht für Nacht.

Und manchmal genügt ein einziger Blick nach oben.

Vielleicht beginnt gerade dort schon die erste Linie.

Wenn Euch dieser kleine Ausflug zu den Sternen gefallen hat, dann bleibt mir gewogen – bis zum nächsten Mal

Bilderquellen: Kompass, Geo

2 Kommentare

  1. Also dann neuestes Sternen Beschreibung und Striche finde ich faszinierend und ja die kleinen Lichtpunkte am Himmel die wirklich nur zu sehen sind wo Dunkelheit herrscht, und dadurch auch ein Suchbild der Motive wird, hast ttoll beschrieben.

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