Vor dem ersten Strich – über Inspiration, Annäherung und den Weg zum Bild

Hallo Ihr Lieben,

manchmal sitze ich vor einem leeren Blatt und weiß: heute geht es noch nicht um ein fertiges Bild. Es geht um den ersten Strich. Um das Zögern davor, um die Linie, die noch nicht weiß, wohin sie will.

Am Anfang steht bei mir fast immer die Inspiration. Kein klares Motiv, eher ein Gefühl. Ein Licht, eine Stimmung, ein Fragment, das sich langsam festsetzt. Noch ist nichts greifbar, nichts festgelegt. Denn genau das braucht es, Raum zum Denken, zum Spüren, zum inneren Sammeln.

Erst daraus entsteht Bewegung. Linien beginnen zu suchen, Formen tasten sich vor und Proportionen verschieben sich. Perspektive ist zunächst nur eine Ahnung. Licht und Schatten warten noch ab. Alles entwickelt sich langsam – und zwar zuerst im Kopf.

Meist ist das Motiv etwas, was ich irgendwo gesehen habe und was mir in Erinnerung geblieben ist. Das muss aufs Papier, aber nicht, um es einfach abzubilden, sondern um es weiter zu entwickeln, damit es lebt.

Irgendwann kommt dann der Moment, indem die Inspiration reif für die Zeichnung ist. Indem aus der Zeichnung Malerei wird – und die erste Linie gesetzt werden will.

Zeichnen und Malen sind für mich kein schnelles Festlegen, sondern ein Annähern. Ein Prozess, in dem Struktur, Tonwerte und Details wachsen dürfen. Nicht das Ergebnis gibt den Ton an, sondern der Weg dahin ist entscheidend.

Zwischen dieser ersten Inspiration und dem Moment, in dem der Stift das Papier berührt, liegt ein stilles Pendeln. Gefühl und Technik stehen sich dabei nicht gegenüber, sie greifen ineinander. Das eine führt, das andere antwortet.

Die Linie entsteht aus Intuition, aber sie folgt Regeln. Proportionen wollen gehalten werden, Perspektive verlangt Aufmerksamkeit. Gleichzeitig darf nichts erzwungen wirken. Ich lasse Linien stehen, auch wenn sie noch unsicher sind. Sie erzählen vom Suchen, vom Annähern. Technik hilft mir, Ordnung zu schaffen – Gefühl entscheidet, wann es genug ist.

Licht und Schatten kommen nicht als Plan, sondern als Reaktion. Auf das, was schon da ist. Tonwerte verdichten sich, Strukturen klären sich, Details werden bewusst gesetzt oder bewusst weggelassen. Immer wieder halte ich inne, trete zurück und prüfe. Nicht, ob es „richtig“ ist, sondern ob es stimmig wirkt.

In diesem Wechselspiel entsteht ein Bild. Nicht geradlinig, nicht logisch, sondern wachsend. Erst wenn Zeichnung und Gefühl sich begegnen, wenn Technik nicht mehr dominiert, sondern trägt, ist der Punkt erreicht, an dem die erste Linie selbstverständlich wird. Entscheidend ist nicht das Ergebnis, sondern die Aufmerksamkeit auf jeden einzelnen Schritt.

Ich habe Euch drei meiner Bilder mit Entstehung herausgesucht: ein Portrait, ein Tier und eine Architekturzeichnung.

Dies Portrait von Christoph Waltz, dem österreichischen Schauspieler, war eine Aufgabe im Rahmen eines Coachings der Online Zeichenakademie Livarto. Anhand von Boxen und Ovalen sollte die Struktur des Kopfes aufgebaut werden. Nicht einfach – zumal bei dieser Perspektive beide Seiten des Kopfes exakt zu beachten sind. Mit dieser Methode lassen sich jedoch Lage und Abstände der Gesichtsteile recht gut erkennen. Da ich die Strukturlinien nicht ausreichend wegradiert hatte, habe ich mir, wie man sieht, relativ einfach geholfen.

Während das Portrait nach einer klaren Aufgabenstellung entstanden ist, durften die beiden folgenden Arbeiten aus einer freien Idee heraus wachsen – ohne konkrete Vorgabe, allein getragen von eigener Bildvorstellung und Neugier

Die Ziege war eine Übung, um zu sehen, ob ich mit der Rastermethode das wiedergeben kann, was mir an dem Tier so gefallen hat. Diese Methode ist eine gute Unterstützung, um Struktur und Tonwerte genau festlegen zu können, das ist mit der Methode, die ich bei dem Portrait angewandt habe, etwas schwieriger. Die Details sind dann geduldige Feinarbeit – denn auch Radieren und Neumachen gehört dazu, wenn wieder etwas nicht stimmig ist. Hier war das Fell die Herausforderung. Immer wieder Hinschauen, um Hell und Dunkel passend zu setzen. Natürlich gab es bei allen Bildern noch viele Zwischenstufen – an dieser Stelle sind das die wichtigsten Schritte.

Der Schritt von der organischen Form des Tieres hin zur klaren Ordnung der Architektur, war für mich ein besonders reizvoller Wechsel.

Der Dom, eine Architekturzeichnung, übrigens hier in der Rückansicht, habe ich ohne Raster erarbeitet. Ich benötigte hierfür vor allem die Fluchtpunkte, Perspektiven und Proportionen. Hier sind auch Horizontlinie und Lichteinfall zu beachten, um Licht, Schatten und damit die Dreidimensionalität hervorzuheben. Details werden erst ganz zum Schluss hinzugefügt. Alles andere ergibt sich beim Zeichnen – genauso wie die mir eigenen Linien, die ich immer wieder einbringe – um etwas zu betonen, als Hintergrund oder einfach nur, weil ich Linien liebe.

Ich zeichne ausschließlich nach eigenen Fotos, also nach etwas, das ich selbst erlebt, gesehen oder das mich berührt hat. Doch nicht das Foto allein bringe ich zu Papier. Ich versuche vielmehr, das Gefühl zu vermitteln, das ich beim Fotografieren hatte. Oder das, was mich überhaupt bewogen hat, dieses Motiv zu festzuhalten. So entsteht etwas Lebendiges. Es trägt meinen Blick, meinen Touch – es ist mein Stil.

So entsteht bei mir ein Bild. Nicht aus einem Plan, sondern aus Aufmerksamkeit. Aus dem Mut, dem ersten Strich Raum zu geben, dem Suchen zu vertrauen und dem Prozess Zeit zu lassen.

Vielleicht erklärt dieser Einblick auch, warum keines meiner Bilder abgemalt ist. Jedes trägt ein Stück von dem Moment in sich, in dem es entstanden ist – und ein Stück von mir.

Schön, dass Ihr mich auf diesem Weg begleitet habt.

Bis zum nächsten Mal

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