Eine leise Weihnachtsgeschichte über offene Türen, Menschlichkeit in der Nacht und das Wunder, das manchmal ganz unspektakulär mitten im Alltag geschieht-
Hallo Ihr Lieben,
es ist der Weihnachtsmonat – und was läge näher, als ein wenig Stimmung zu verbreiten? Zum Beispiel mit einer Weihnachtsgeschichte.



Im Lukasevangelium (2,1-7) heißt es:
Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, als Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. Da machte sich auch auf, Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das judäische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum, dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war, auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger…..
Im Matthäusevangelium (Kapitel 1-2) liegt der Schwerpunkt anders: auf den Weisen aus dem Morgenland, dem Stern, der Eifersucht des König Herodes, dem Kindermord in Bethlehem und der Flucht nach Ägypten.



Während Maria und Josef bei Matthäus nach Ägypten fliehen, bleiben sie bei Lukas zunächst in Bethlehem und kehren später nach Nazareth zurück. Der Ursprung der Weihnachtsgeschichte liegt also in den biblischen Evangelien Matthäus und Lukas. Sie erzählen von der Geburt Jesu in einfachen Verhältnissen, eingebettet in alttestamentliche Prophezeiungen und die frühe christliche Tradition, die Geburt des „Lichtbringers“ um die Wintersonnenwende zu feiern – am 25.Dezember, einem früheren Festtag des Sonnengottes Sol Invictus.
Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Geschichte um weitere Elemente ergänzt – Hirten, Volkszählung, Heilige drei Könige -, um die theologische Bedeutung zu vertiefen und anschaulich zu machen.



Heute möchte ich Euch jedoch eine ganz andere Weihnachtsgeschichte erzählen. Ich habe sie in einem wunderbaren Kalender gelesen und sie hat mich sehr berührt:
Gute neue Mär
Ich sitze in meinem Sessel und denke noch, diese Nacht ist so heilig, wie alle anderen um zwei Uhr, wenn die Spülmaschine ausgeräumt ist und endlich alle schlafen, als ich ein ungewöhnliches Geräusch an der Stationstür höre. Da kommen welche durch den Flur geschlappt. Ich springe auf: „Wer ist da?“ – „Nur wir.“ Ich sehe nichts, im Flur ist es dunkel. „Wer ist wir?“ Dann treten sie ins Licht, eine weißhaarige, magere Frau, in ein blaues Tuch gehüllt und ein alter Mann in schlabberigen Hosen, Sandalen und Wintermantel, einen knorzigen Stock in der Hand. Diese Beiden sind keine von unseren. Die Frau hat etwas Dickes unter ihr Tuch gepackt. „Woher kommen Sie?“, frage ich ziemlich dumm, „jetzt um zwei?“ _ „Von Nazareth“, sagt der Alte. “ Nee, das geht aber auf keinen Fall“, sage ich. Nazareth ist im zweiten Stock. Früher war das nämlich ein christliches Haus, was man noch an den Namen der Stationen erkennen kann. Wir sind unten auf Bethlehem, im Zweiten ist Nazareth, im Dritten Jerusalem. „Sie müssen nach Nazareth zurück!“ – „Ja, das stimmt. Aber noch nicht, wir müssen uns erst schätzen lassen.“ – „Okay“, sage ich. „“Setzen Sie sich mal hier hin, ich klär das.“ Vielleicht hat Nadine die Tür offen gelassen, als sie zum rauchen raus ist und ihr sind die Zwei entwischt. Ich wähle die Kurzwahl von Nazareth, Nadine ist sofort dran, nein, ihr fehle garantiert niemand. „Ah, na dann entschuldige“, sage ich und noch: „Frohe Weihnachten“ und betrachte die beiden Figuren durchs Stationszimmerfenster. Sie hat den Kopf an seine Schulter gelegt. Ganz selig sehen sie aus, aber auch todmüde. Ihr fallen die Augen fast zu, während er immer mit dem Stock auf den Boden klopft. Sollen sie mir bloß nicht die ganze Station aufwecken. Ich versuche es bei Jörg auf Jerusalem, aber dem ist auch niemand abgängig.
Da stehe ich nun dumm da. Was sind das für welche, wenn sie nirgendwo fehlen und das mitten in der Nacht! Ich gehe raus zu ihnen. „Hören Sie, ich weiß jetzt überhaupt nicht, wohin mit Ihnen, sie können hier nicht bleiben, also wirklich.“ Der Mann hebt langsam den Kopf. „Bitte, machen Sie doch eine Ausnahme. Nur für eine Nacht. Meine Frau, Sie sehen die Umstände. Sie braucht ein Lager und, soviel ich weiß, später warmes Wasser.“ Während er spricht, richtet er sich auf, er ist fast einen Kopf größer als ich. Seine borstigen Haare sind wild und grau, die Augenbrauen buschig. Mein Blick verweilt einen Moment auf dem Bauch der Frau, es könnte ein Sofakissen unter dem Stoff sein oder etwas Aufblasbares. Als ich den Kopf hebe, lande ich in ihrem Lächeln, wie in einer Seligpreisung: „Es wird ein Junge.“ Und gleich noch eine Verheißung hüpft aus dem faltigen Gesicht: „Er soll Jesus heißen.“ Au Backe! Schizophrenie! Dazu habe ich keine Fortbildung gemacht. Gefährlich scheint sie aber im Moment nicht zu sein, so feierlich, wie sie leuchtet. Ihr Blick macht mich direkt verlegen.
Ich mache ein erstes Gesicht. Auf jeden Fall werde ich die Situation jetzt meistern. „Jesus also? Alles klar. Dann müssen Sie Maria sein!“ Und als die Frau nickt, streckt mir der Mann seine ausgezehrte Hand hin: „Josef. Freut mich sehr, Frau Eisenhart. Der Herr wird Dir danken für das, was Du für uns tust.“ Demenz hin und her, es tut mir furchtbar gut, wie er das sagt.
Vorletztes Zimmer links, Horst Immental. Ich klopfe – und öffne die Tür. “ Herr Immental?“ Ein Pantoffel fliegt gegen den Türpfosten. „Ich bin längst wach. Wie soll einer schlafen, wenn Ihr so rumbrüllt!“ – „Es ist so…,“ hebe ich an und stocke. Da höre ich Maria sagen: „Horst Immental, der Herr sei mit Dir. Du hast ein wunderschönes Sofa und es wird gebraucht,“ – „Allzeit bereit!“ höre ich ihn sagen. „Nimm mal die Kissen runter, Josef,“ sagt Maria und lässt sich aufs Sofa sinken. Die scheinen mich nicht mehr zu brauchen, Horst Immental hat schon die Flasche Spätburgunder aus dem Nachttisch geholt und schenkt ein.
Die feiern Weihnachten, also von mir aus, ich bin jedenfalls im Dienst. „Es braucht warmes Wasser und ein Handtuch, Horst“, höre ich Josef. Der meint es ja wohl ernst mit seinem Jesuskind. Ich stecke die Nase durch die Tür. „Ich hole Ihnen eine Schüssel, okay?“ – „Oh, Du gute Seele!“, lächelt mich Maria an. Ich werd rot, das hat mir noch niemand gesagt. Vielleicht können wir sie aufnehmen in Bethlehem. Wir machen einfach ein Dreierzimmer aus Herrn Immental.
Zurück im Stationszimmer starre ich das Telefon an, ob ich jemanden anrufen soll und betrachte die Akten, ob ich was dokumentieren soll – aber ich kann nicht. Da sitze ich. Ich bin die Nachtwache, Elke Eisenhart, ich bin zuständig. Wenn was ist, bin ich da. Es ist aber nichts. Die ganze Nacht ist völlig ruhig, kein Rufen, keine Schritte. Ich hätte mal in die Zimmer schauen sollen, um drei oder um fünf. Aber ich kann nicht. Ich mag mich nicht rühren und schon gar nicht in die Nähe von Herrn Immentals Zimmer. Ich denke, das geht mich irgendwie nichts an, was die da machen und wenn was ist, dann höre ich das schon.
Um viertel nach sechs wache ich auf aus meiner Trance. Als ich die Stationszimmertür öffne, kriege ich einen Schrecken. Da hocken die Beiden wieder im Sessel, die Maria und der Josef. Josef hat ein Bündel im Arm, das in Herrn Immentals kariertes Flanellhemd gewickelt ist. Was es ist, kann ich nicht genau sehen. Und Maria sagt: „Frau Eisenhart, schön, dass Sie aufgewacht sind. Wir müssen überraschend schnell nach Ägypten und wollten uns noch bedanken bei Ihnen für alles“, da ist mir, als spräche es von alters her und überall und obwohl ich sonst nicht so bin und keineswegs fromm, sinke ich in die Knie und berühre Marias blaues Gewand und irgendwie merke ich auch, dass das Kissen nicht mehr darunter ist, aber da weiß ich ja im Grunde schon, dass Jesus geboren ist, hier in Bethlehem in der Heiligen Nacht.



Diese Geschichte stammt von Kathrin Pläcking. Ihre Art, die Weihnachtsgeschichte in einen völlig anderen, moderneren Zusammenhang zu stellen, hat mich sehr berührt.
Sie zeigt, dass Weihnachten nicht laut sein muss. Dass es nicht immer Engelchöre braucht, keine Krippenfiguren und keine große Bühne. Manchmal geschieht es einfach – mitten im Alltag, in der Nacht, dort, wo niemand damit rechnet.
Dieses wunderschöne Bild mit dem passenden Gedicht stammt von Sandra Rieboldt-Bülter, einer lieben Freundin und Zeichenkollegin bei Livarto.io.

Vielleicht ist genau das das Wunder von Weihnachten, das Menschlichkeit aufleuchtet, wo Türen offen bleiben. Das Hoffnung Gestalt annimmt, wo jemand bereit ist, eine Ausnahme zu machen.
Und vielleicht ist Bethlehem manchmal einfach der Ort, an dem wir gerade sind.
Was meint Ihr?
Ich hoffe, diese kleine Weihnachtsgeschichte hat Euch gefallen, dann bleibt mir gewogen bis zum nächsten Mal
Quelle: Kathrin Pläcking aus Andere Zeiten e.V.




